Text RTL-Regional:
Mehr als 56.000 Jugendliche haben sich in Niedersachsen in diesem Jahr um einen Ausbildungsplatz beworben. Knapp 900 von ihnen sind dabei bislang leer ausgegangen.
Es mangelt jedoch nicht an freien Stellen. Oft sind schlechte Schulnoten und fehlende Motivation die Ursache dafür, dass junge Leute keinen Job bekommen. So begründen das zumindest viele Arbeitgeber. Bäckermeister Peer Ruchel aus Bremen findet, dass alle eine Chance verdient haben. Er war früher selbst kein Überflieger, leidet an einem Sprachfehler und kümmert sich gerade deshalb jetzt mit großem Engagement um Jugendliche, die ohne ihn kaum eine berufliche Perspektive hätten.
Wir haben den Bäckermeister getroffen.
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Bremens Bürgermeister besucht die Bäckerei Ruchel
Foto: In der Bäckerei Ruchel (von links) Uwe Kleinow, Geschäftsführer Bildungszentrum der Wirtschaft im Unterwesergebiet (BWU), Bildungssenatorin Renate Jürgens-Pieper, Bürgermeister Jens Böhrnsen, Auszubildende Anna Konieczko, BWU-Mitarbeiterin Inse Koch, die Auszubildenden Mandy Schulz und Achim Grenkowski, Bäckermeister Peer Ruchel. Bild: Bremen K/W
Wenn es um herausragende Ausbildungsleistungen geht, dann dürfte in Bremen die Handwerksbäckerei von Peer und Britta Ruchel mit ihren drei Verkaufsstellen eine der ersten Anlaufadressen sein: Bereits 2008 war der kleine Handwerksbetrieb eine Station für den Bremer Bürgermeister Jens Böhrnsen und Bildungssenatorin Renate Jürgens-Pieper, als diese mittelständische Betriebe besuchten, die sich für Ausbildungsförderung in der Hansestadt einsetzen. Der Bäckermeister fördert u. a. in Kooperation mit dem Bildungszentrum der Wirtschaft im Unterwesergebiet (BWU) Jugendliche, die bei der Ausbildungsplatzsuche benachteiligt sind. Dabei kann es sich beispielsweise um Altbewerber und Ausbildungsabbrecher handeln, Jugendliche mit niedrigen Bildungsabschlüssen, aus einem schwierigen sozialen Umfeld oder mit Migrationshintergrund.
Auch die Handwerkskammer wendet sich immer wieder an Ruchel, wenn sie feststellt, dass ein Auszubildender in einem anderen Betrieb mit großen Problemen zu kämpfen hat bzw. dort keine adäquate Ausbildung bekommt.
Maßgeblich für den Entschluss, benachteiligten jungen Menschen eine Chance zu geben, war ein Schicksalsschlag in der eigenen Familie. Das zweite Kind des Bäckerehepaars, eine Tochter, starb im Alter von 2 ½ Jahren an einer unheilbaren Krankheit. „Dadurch habe ich eine besondere Einstellung zu Menschen entwickelt, denen es nicht so gut geht bzw. die es nicht so einfach haben. Jeder hat eine Chance verdient, seinen Platz im Leben zu finden, und dafür setze ich mich ein. “
So begann Peer Ruchel, der seit 1994 selbstständig ist, vor ca. zehn Jahren, sich für die Ausbildung von benachteiligten Jugendlichen einzusetzen. Er stellte einen jungen Mann ein, der zu 50% behindert war – und der mit Unterstützung des Bäckers die Prüfung bestand.
Sein Engagement brachte ihm dann 2009 die Auszeichnung mit dem „Deichmann Förderpreis gegen Jugendarbeitslosigkeit“ 2009 in der Kategorie „Berufliche Förderung durch Unternehmen, Vereine und öffentliche Initiativen“ ein. Der Preis: 2.000 Euro, die damals in Ausbildung bzw. die Teilfinanzierung einen weiteren Lehrstelle flossen. Vier von derzeit sieben Auszubildenden sind sog. Benachteiligte Jugendliche. Seitdem er sich selbstständig gemacht hat, „betreute“ Peer Ruchel erfolgreich rund 30 solcher Jugendliche – unter den ehemaligen Lehrlingen befinden sich auch drei Landessieger der Gesellenprüfung.
„Ich lasse die jungen Leute erst einmal bei mir zur Probe arbeiten“, erzählt Ruchel. Maßgeblich sind für ihn bei der Auswahl nicht die Noten, sondern dass es menschlich stimmt und der Beruf Spaß macht. „Es geht mir darum, den Jugendlichen eine Chance zu geben, sie durch Lob und positives Feedback zu stärken. Ich will sie darin unterstützen, selbstbewusst zu werden – auch indem ich Verantwortung und Aufgaben an sie abgebe und sie alle Bereiche der Produktion durchlaufen lasse. Es ist ein Geben und Nehmen – je mehr sie können, um so besser kann ich sie ja selbst einsetzen.“ Wenn er hört, dass Azubis nach der Probezeit nicht übernommen wurden, weil sie z. B. zu langsam seien, kann er nur den Kopf schütteln: „Das ist lächerlich. Die Schnelligkeit kommt doch erst mit dem Lernen, der Erfahrung.“ Außer Frage auch, dass die Arbeitszeiten eingehalten und eventuell anfallende Überstunden bezahlt oder mit Freizeit ausgeglichen werden. Geduldig werden in der Ausbildung Abläufe erklärt, Fehler werden als Selbstverständlichkeit hin- und zum Anlass genommen, noch einmal zu zeigen, wie es denn richtig geht. Auch die Schulleistungen und somit mögliche Lernschwächen behält Ruchel im Blick, um hier früh gegensteuern zu können, indem er etwa Nachhilfe empfiehlt. Sollte es einmal zu massiveren Problemen kommen oder Jugendliche psychologischen Beistand benötigen, gibt es Hilfe vom BWU.